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Anlaufstelle, für Männer* und TIN*, die in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Die folgenden Vereinbarungen sind nicht als Dogma gedacht, sondern aus den Erfahrungen in den bisherigen Tauwetter-Selbsthilfegruppen entstanden. Sie sind eine Vorgabe für den Start und ein Vorschlag für den weiteren Umgang miteinander. Jede Gruppe hat natürlich die Möglichkeit, gemeinsam Dinge zu ergänzen oder neue Vereinbarungen zu treffen. Vorschläge für den Ablauf des Gruppenabends findet ihr hier.

Ein fester Rahmen ist in unseren Augen in der Selbsthilfegruppenarbeit günstig: Viele Männer* und TIN*, die als Kind sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, haben Angst vor neuen, unbekannten und eventuell unkontrollierbaren Situationen. Zu tief sitzt die Erfahrung, durch die sexualisierte Gewalt verletzt worden zu sein und dem hilflos und ohnmächtig ausgeliefert gewesen zu sein. Ein klarer, durchschaubarer Rahmen erleichtert es Vielen, sich zu öffnen. Dazu sollen diese Vereinbarungen und auch der feste Ablauf der Abende dienen.

Einige Gruppen haben für den Gruppenabend eine Moderation eingesetzt mit der Aufgabe, darauf aufmerksam zu machen, wenn  während des Treffens Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Wie die Gruppe dann mit diesem Hinweis umgehen will, muss gemeinsam vorher geklärt werden. Es ist nicht Funktion einer Moderation, Vereinbarungen durchzusetzen oder Verstöße zu sanktionieren. Die Moderationsaufgabe sollte nicht fest an eine Person vergeben werden, sondern jedes Mitglied sollte sie reihum übernehmen, sonst bilden sich zu schnell gefährliche Hierarchien in der Gruppe. Solch eine Moderation kann sinnvoll sein, wenn emotional bewegende Themen anstehen, wenn es gilt, Konflikte aufzuarbeiten, oder wenn es sich wiederholt als schwierig herausgestellt hat, die gemeinsamen Absprachen einzuhalten.

Es ist jederzeit möglich ein Mitglied des Tauwetter-Kollektivs anzusprechen, ob er*sie zu einem Gruppenabend noch einmal dazukommen kann. Ebenso kann jedes Gruppenmitglied bei Schwierigkeiten in der Gruppe mit eine*r Berater*in einen Termin vereinbaren.

Vertraulichkeit

Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt in der Gruppe. Wenn ich mit jemand außerhalb darüber reden muss, wie es mir in der Gruppe ergangen ist, z.B. weil ich Hilfe oder Unterstützung suche, dann in solch einer Form, so dass die anderen nicht zu erkennen sind.

Anonymität

Jede*r hat das Recht anonym zu bleiben. Keine*r muss seine*ihre Telefonnummer austauschen, seine Adresse oder seinen richtigen Namen nennen. Natürlich ist es hilfreich untereinander Kommunikationswege aufzubauen, falls jemand mal nicht kommen kann.

Freiwilligkeit

Jede*r hat das Recht, den Raum zu verlassen - wobei er*sie sich bemühen sollte, noch kurz zu sagen, dass er*sie (z.B.) eine Pause braucht, und nicht kommentarlos zu verschwinden.

Es gibt keine Verpflichtung, etwas zu sagen. Jede*r entscheidet selbst, wann es Zeit ist zu reden. Einschätzungen wie " Ich muss jetzt was sagen, weil alle anderen schon was gesagt haben" helfen nicht weiter. Es ist sinnvoll, den Anderen zu sagen, dass und warum ich nichts sagen will.

Nüchternheit

Um sich wirklich auf die Gruppenprozesse einlassen zu können ist es eine Voraussetzung, nüchtern und clean zu den Treffen zu erscheinen. Dies macht Sinn, damit überhaupt eigene Bearbeitungsprozesse im Rahmen der Selbsthilfegruppenarbeit stattfinden können. Es ist aber auch den anderen Teilnehmenden gegenüber wichtig und ein Zeichen von Respekt, denn für die anderen Teilnehmenden kann es belastend sein, mit einer nicht-nüchternen Person über schwierige Themen sprechen zu müssen.

In den Tauwetter-Räumen wird nicht geraucht.

Verbindlichkeit

Vertrauen in Andere zu fassen setzt das Gefühl voraus, sich auf die Anderen verlassen zu können. Ein respektvoller Umgang miteinander drückt sich auch in Verbindlichkeit untereinander aus. Dies sind zwei Gründe, warum gemeinsames und pünktliches Anfangen sowie Abmelden bei Nichterscheinen wichtig sind.

Raum bekommen

Im Blitzlicht besteht für jedes Gruppenmitglied die Möglichkeit zu sagen, dass es Raum für sich beanspruchen möchte. Die Person, die oder deren Thema dran ist, kann weitgehend bestimmen, wie das "Reden" passieren soll. Dabei ist es oft hilfreich zu benennen, was ich erreichen will und mir eventuell von den Anderen erhoffe. Das kann ein breites Spektrum sein: Druck loswerden - an Gefühle ran kommen - einfach nur erzählen - von den anderen hören, ob sie etwas Ähnliches kennen - Hilfe kriegen, um eine unentwirrbare Situation zu entflechten - vielleicht auch nach Ratschlägen fragen. Und wenn ich noch nicht klar weiß, auf was ich hinaus will, kann ich genau das auch sagen.

Achtung und Respekt

Alle versuchen, sich mit Achtung und Respekt zu begegnen. Die Selbsthilfegruppe soll ein Raum sein, in dem niemand mutwilligen oder achtlosen Verletzungen und Überschreitungen der eigenen Grenzen ausgesetzt ist. Vielmehr kann ich hoffen, dass die Anderen meine Grenzen respektieren, ihnen mit Achtung begegnen und versuchen Verständnis zu entwickeln. Das gilt in die umgekehrte Richtung natürlich genauso.

Dies bedeutet nicht, dass es in der Selbsthilfegruppe keinerlei Verletzungen gibt. Oft geschieht so etwas unbeabsichtigt, weil die gegenseitigen Grenzen nicht bekannt oder bewusst sind. Es ist deshalb wichtig meine eigenen Grenzen festzustellen, sie den anderen bekannt zu machen und (Grenz-)Verletzungen (z.B. durch den Satz "Hör bitte auf", „ich bin verletzt", „das geht zu weit für mich" o.ä.) zu zeigen. Nur dann können die Anderen auf meine Grenzen achten.

Ausreden lassen

Sachen wie "Andere ausreden lassen und nicht unterbrechen" sollten ja eigentlich Selbstverständlichkeiten sein, sind es aber allzu oft leider nicht. Gerade in Situationen, die mich emotional stark berühren, ist es hilfreich, wenn ich nicht immer sofort antworte, sondern auch mal eine kurze Pause einlege, um zu überlegen und Anderen auch Raum für eine Antwort oder Reaktion zu lassen.

Keine Gewalt

Dies betrifft sowohl die Ausübung, als auch die Androhung von Gewalt. Die Notwendigkeit dieser Vereinbarung muss wohl nicht begründet werden.

Keine ungefragten Berührungen

Zum Achten der Grenzen des Anderen gehört auch, dass niemand jemand Anderes ungefragt oder unaufgefordert berührt. Viele Opfer sexualisierter Gewalt haben über Jahrzehnte Angst vor Berührungen, oft gerade auch in Situationen, wo sie sich öffnen. Bei einigen sind das Berührungen bestimmter Art (z.B. eine Hand im Nacken), bei anderen geht es um Berührungen aller Art. Wenn ich in den Arm genommen und getröstet werden will, kann ich darum bitten. Wenn ich einen anderen trösten will, kann ich fragen, ob das recht ist oder ein Angebot machen, indem ich z.B. meine Hand vor ihn*sie lege, damit er*sie - wenn gewünscht - sie greifen kann. Das sind am Anfang manchmal etwas steife Situationen, es lassen sich dennoch mit der Zeit Formen entwickeln, die praktikabel sind.

Jede*r redet von sich

Jede*r versucht zu sagen, wie es ihm*ihr geht, bzw. wie er*sie sich fühlt. Bewertungen seitens der Anderen und Zuschreibungen werden unterlassen. Du kannst zum Beispiel sagen, „Ich bin verletzt und wütend" statt „Du bist hast mich verletzt". Es geht also darum, wenn möglich Ich-Botschaften statt Du-Botschaften zu benutzen. Solch eine Herangehensweise hilft, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden und Verletzungen zu vermeiden. Dies heißt nicht, nichts mehr zu dem, was die Anderen sagen, zu äußern. Ein Ziel der Gruppe ist ja schließlich der Austausch mit anderen Betroffenen. Es hat sich aber als hilfreicher erwiesen zu erzählen, was das Gehörte bei einem selber auslöst oder die Anderen zu fragen, wie es ihnen geht. So kann ich anfangen, Verständnis für zu entwickeln und mich in Andere einzufühlen, anstatt die Situation des*der Anderen und ihn *sie zu beurteilen und zu bewerten. Einem Gruppenmitglied zu erklären, was bei ihm*ihr los ist und was er*sie jetzt tun muss, ist eine Grenzüberschreitung und wird schnell als Missachtung oder Entmündigung erlebt. Auch gut gemeinte Ratschläge gehen leicht daneben und sind nur dann angebracht, wenn darum gebeten wird.

Verantwortung

In der Selbsthilfegruppe ist jeder für sich selbst verantwortlich und alle gemeinsam sind es für die Gruppe. Die Balance zwischen dem Achten auf sich selber und dem Schauen nach den Anderen ist bei vielen von uns nicht im Lot.

  • Manchmal ist das Erkennen und die Wahrnehmung der eigenen Interessen und Grenzen ein Schwachpunkt. Dann ist es am Anfang sinnvoll, erst mal auf mich selbst aufzupassen und meinen eigenen Schutz zu organisieren. Dazu ist es wichtig, in mich hinein zu horchen und zu spüren, wann mir z.B. ein Thema zu viel wird, oder ob die Art der Auseinandersetzung für mich unangenehm wird. Wenn ich selbst rede, kann ich versuchen, mich zu bremsen und Andere eventuell um Hilfe bitten. Schwieriger ist es, wenn jemand Anderes redet. Ich kann den Raum verlassen (s.o.), aber eventuell gibt es auch irgendeine Geste, auf die sich alle als Notsignal einigen können, wenn einer eine Unterbrechung braucht (z.B. die T-förmig zusammengestellten Hände, wie in vielen amerikanischen Sportarten: T = Time-Out). Wenn ich für mich selbst gesorgt habe, kommt das Schauen nach den Anderen, die Verantwortlichkeit für die Gruppe.
  • Andersherum gibt es auch Männer* oder TIN*, die nicht sehr gut darin sind, mit anderen gemeinsam Verantwortung zu tragen, und zusammen eine Gruppe zu gestalten. Vielleicht weil sie gewohnt sind, Dinge alleine zu machen. Es kann aber auch den Hintergrund haben, dass sie es nicht gelernt haben, die Bedürfnisse und Interessen anderer wahrzunehmen und angemessen zu berücksichtigen. Wenn es mir so geht, kann es z.B. hilfreich sein, mir anzugewöhnen, bewusst kurze Pausen einzulegen (s.o.). Ich kann versuchen, darauf zu achten, wie viel Raum und Zeit ich mir nehme und wie viel Andere beanspruchen. Wenn ich öfter eine ungleiche Verteilung feststelle, kann ich das in der Gruppe ansprechen und die anderen fragen, wie sie es erleben. Ich kann versuchen herauszufinden, warum ich so viel Raum „brauche", was für ein Bedürfnis dahinter steckt und ob ich das auch anders bekommen kann.

Eine Selbsthilfegruppe funktioniert längerfristig nur, wenn alle lernen, ihre Interessen zu vertreten und Grenzen zu ziehen. Eine Gruppe funktioniert aber auch nicht, wenn die Mitglieder alle nur nach sich gucken. Es ist notwendig, Interessenskonflikte auszuhandeln und einen gemeinsamen Umgang mit den Unterschiedlichkeiten zu finden.

Letzter Eintrag 25.01.2024

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