Die folgenden Texte stammen von mehreren Betroffenen, die uns erlaubt haben, ihre Beiträge auf unserer Homepage zu veröffentlichen. Die Texte geben einen Einblick, wie die jeweiligen Männer* sich zu den verschiedenen Zeiten gefühlt haben – das heißt natürlich nicht, dass sich alle so fühlen, oder Du Dich so fühlen musst. Und es bedeutet natürlich auch nicht, dass die darin geäußerten Meinungen und Ansichten zwangsläufig auch unsere sind.
Die Rechte für Abdruck oder Ähnliches liegen nach wie vor bei den einzelnen Autoren. Ohne eine Erlaubnis von ihnen ist keine weitere Veröffentlichung zulässig. Da die Erstellung der Texte teilweise lange zurück liegt, können wir nur zu einem kleinen Teil ggf. Kontakt herstellen.
Es geht in den Gedichten und Prosatexten um die erlebte sexualisierte Gewalt, die Folgen und den Weg daraus. Wir haben versucht, sie in die Reihenfolge zu stellen, wie sie im Verarbeitungsprozess entstanden sind, d.h. es beginnt mit dem „Realisieren“ des Missbrauchs und geht über das Hochkommen von Gefühlen wie Verzweiflung, Angst und Wut, das „Erzählen“, was passiert ist. Zum Schluss folgen die Texte, in denen es ums „Wieder-Ganz-Werden“ und das Wiederentdecken der Lebensfreude geht.
Überlege Dir, wann Du diese Texte lesen möchtest. Sie sind zwar oft kurz, erfordern aber gelegentlich Zeit zum drüber nachdenken.
Wie alles anfing
Ein Bericht darüber wie der Autor ??? „entdeckt“, dass er selbst Opfer sexueller Gewalt geworden ist
Wie alles anfing
Eigentlich hatte ich mir dieses Buch nur ausgeliehen, weil ich bei meiner Ma und einer guten Freundin einen sexuellen Missbrauch vermutete. Keine Ahnung wie ich drauf kam, war so ein Gefühl. Ich hab‘ also brav meinem Helfersyndrom folgend als erstes in das Kapitel geschaut: “ Wenn du einer Überlebenden helfen willst. “ In diesem Kapitel wurde halt auch beschrieben, was häufig auftauchende Verhaltensmuster sind, … na halt womit man so konfrontiert ist, wenn man einer oder einem Betroffenen zur Seite stehen möchte. Ich las was da stand und wurde innerlich immer stiller. Die Aufmerksamkeit und der Tatendrang des Helfers wich immer mehr der Betroffenheit. Ich dachte nur: „Das bin ja ich!!! Das bin ich der da beschrieben wird!!!“
Mir war immer klar, was passiert war, aber das war doch nicht schlimm, hatte ich gedacht. So hatten auch meine Eltern reagiert und andere, als ich ihnen erzählt habe, dass mir auf meiner Inter-Rail-Tour was mit Päderasten passiert war. Und als ich dieses Buch las, sagte das erste Mal jemand zu mir, dass das was mir da passiert war vielleicht doch nicht so harmlos war. Da wurden Menschen beschrieben, deren Verhalten meinem so was von ähnlich war, aber die sind vergewaltigt worden. Was war ich dann?
Aber intellektuell konnte ich das sowieso nicht lösen und brauchte es auch nicht. Die Emotionen kamen zurück. Die Scham und die Unsicherheit und vor allem die Angst und dieser unsagbare Schmerz. Die meiste Zeit lief das Leben recht normal, bis die nächste Flutwelle kam und mich mit sich riss mich, meine eigenen Emotionen an einen Ort spülten … ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.
Ziemlich bald wurde mir klar, dass ich damit alleine nicht fertig werde. Und nachdem mein Versuch bei meinen Eltern Hilfe zu finden auf grausame und katastrophale Weise schiefgegangen war, hab‘ ich es nicht gewagt mich an Freunde zu wenden. Diese Kiste mit meinen Eltern war … so schmerzhaft, … dass ich Angst hatte, das noch einmal zu erleben. Und wenn da jemand war, wo ich dachte : “ Scheiße man, … probier’s doch! „… Ich konnte es nicht, ich hab es einfach nicht über die Lippen gebracht. Mein Mund öffnete sich, aber es kam nichts raus. Oder wie es so treffend bei Tori Amos heißt: „I’ve got a desert in my mouth.“
So saß ich dann irgendwann zu Hause mit dem Telefonbuch auf dem Schoß und landete in der Rubrik : Psychosoziale Kontakt – und Beratungsstellen.
Das war so ein eigenartiges Gefühl. Ich suchte da nicht etwas raus für jemand anderen … sondern für mich. Für einen Moment konnte oder wollte ich das nicht wahrhaben, wollte das Buch wieder zuschlagen und eine Stimme in mir sagte: “ Nee, also, so was brauchst du nicht. Nee! “ Aber ich wusste, dass ich nur feige war. So hab‘ ich das zumindest empfunden, feige. Und das wollte ich auch nicht sein.
Mein Ehrgeiz und mein Wunsch mutig zu sein haben dann gesiegt. Ich hab‘ mir die Nummer einer Beratungsstelle für Männer raus geschrieben. Puhh…. aber dann diese Nummer wählen…. Was soll ich denn sagen ? Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein kann 7 Nummern auf einem Telefon zu drücken.
Da war dann nur ein Anrufbeantworter angeschlossen. Komischerweise konnte ich meine Angst völlig überspielen und ganz sachlich mein Anliegen auf Band sprechen. Ich hab‘ sogar um Rückruf gebeten.
Bei meinem 1. Termin dort, habe ich von mir erzählt und bin ernst genommen worden. Ich hab dort auch erst mal erfahren, was es so für Therapieformen und Institutionen gibt, an die ich mich wenden kann. So habe ich auch von Tauwetter erfahren, aber es hat einige Zeit gebraucht, bis ich überhaupt einen Schritt in Richtung Therapie oder Selbsthilfe gemacht habe.
Als ich mich dazu entschloss, war bei Tauwetter gerade keine neue Gruppe im Aufbau und die alten wollten niemand neues dazu nehmen. So musste ich ein halbes Jahr warten, bis es soweit war, dass es losging für mich. Ein halbes Jahr, in dem ich dann doch versucht habe mit Freunden darüber zu reden. Aber das war ziemlich schwierig. Zum Einen fiel es mir schwer darüber zu reden und wenn dann meistens … eigentlich immer völlig distanziert, so als würde ich übers Einkaufen reden. Die Gefühle, die ich hatte, wenn ich allein war, konnte ich einfach nicht zeigen und ich hatte Angst die anderen zu überfordern … und ich wollte nicht wieder verletzt werden. Und zum Anderen waren die Reaktionen meiner Freunde auch eher nüchtern.
Ich konnte mein Lebensgefühl einfach nicht begreiflich machen. Weil es schwer ist Worte dafür zu finden und meine Freunde das, wofür ich Worte fand, einfach nicht nachvollziehen konnten.
Und das war das Schöne an der Selbsthilfegruppe. Vor allem in der ersten Zeit. Das war da völlig anders. Da waren Menschen, die mich verstanden. Oft ohne, dass ich groß was erklären musste. Sie kannten viele meiner Situationen, oder mein Lebensgefühl einfach von sich selbst. Das war wunderbar. Ich fühlte mich das erste Mal angenommen. Und um so wunderbarer, weil ich selbst solche Schwierigkeiten hatte und habe mich selbst anzunehmen. Es war erlösend endlich reden zu können. Und gut war auch einen neutralen Ort zu haben, an dem man sich regelmäßig trifft, um sich diesem gemeinsamen Teil von uns zu widmen. Aber am stärksten war das Gefühl mit diesem „Problem“ nicht mehr allein zu sein und verstanden zu werden.
Später habe ich unterschiedliche Phasen durchlebt. Solche, wo mir das zuviel war, worüber gesprochen wurde, oder ich einfach keine Lust hatte mich schon wieder mit dieser Scheiße zu beschäftigen. Und solche, wo die Gruppe sozusagen fast mein letzter Halt war, der Strohalm, die Rettungsweste.
Ich bin dankbar, dass ich diesen Raum für mich entdeckt habe und bin jetzt seit 2 Jahren dabei. Nicht immer brauche ich ihn, weil ich mir jetzt selbst neue Räume schaffe, oder suche, aber ich möchte ihn nicht missen.
Tränen
Angst, Verzweiflung, … dieses Gedicht beschreibt das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und das Alleinsein, das Viele jahrelang empfinden.
Tränen
Gefroren zu Eis
Und Schreie meiner Seele,
Die nie ein Mensch gehört.
Stumm. Stumme Seele.
Alles schweigt; Angst regiert.
Die Kälte lässt mich erfrieren
Von den Füßen aufwärts
Festgefroren auf dem kalten Grund,
Auf dem ich stehe
Zur Bewegungslosigkeit verdammt
Vor Kälte verbrennen
Stille,
Die ich selbst erzwinge
Mir selbst die Schlinge immer fester ziehend,
Die mich weder weinen noch schreien lässt
Wo ist der Weg aus dieser Hölle?
Für W.
Freds Gedicht ist keine leichte Kost. Mit drastischen Worten verleiht er der tiefen Verletzung die er erlebt hat, Ausdruck.
Für W.
Geschlossene Systeme
verspritzen Quecksilbersperma.
Im Hintergrund lauern Geschlechtspumpen
die auch das Draußen erreichen.
Bedrohung.
Bodenlose Psychiatriebetten
urinieren unter Strom.
Einsamkeit.
Kein weich,
kein Lieb.
Dazu:
Ein spitzer Schwanz,
der alle Türen durchschneidet.
Kein Raum
Aufgespießte Kinder
drehen sich
zum Ticken der Wohnzimmeruhr.
Die Vögel draußen sind verstummt.
Die Spannergläser
schauen in den hintersten Ort.
Wieder:
Überall Quecksilbersperma.
In der Mitte brodelndes Blut,
die einzige Farbe: das Rot der aufgeschnittenen Pulsadern.
Ein Stahlschwanz bohrt meine Treppe.
Die Flucht ging hoch und
das schwarze Blut bespritzte die Wände.
Nur die Schulbedrückung
ist heute nicht anwesend.
Ermüdendes Warten,
auf wen?
Fred
Die Kunst zu Überleben
Hannes beschreibt in diesem Gedicht, was in vielen Situationen geholfen hat, die sexuelle Gewalt zu überleben.
Die Kunst zu überleben
In Momenten der tiefsten Verzweiflung,
im bodenlosen Dunkel, wo es keine Hoffnung mehr gibt,
in endloser, totaler Ohnmacht,
schon weit jenseits von Schmerz und Verletzung,
gibt es einen Punkt,
aus dem neue Kraft kommt.
Alles,
was noch in mir ist,
wird gebündelt.
Wie in einem Brennspiegel,
aus dem die Kraft entsteht,
das alles zu überleben.
Klar,
aufrecht,
gerade,
aus kaltem Stahl
wächst der Hass.
Du bezahlst mir alles!
Das Flattern und Rasen klingt ab.
Die Verletzungen sind nicht weg,
sie hören nicht auf,
aber sie schmerzen nicht mehr so.
Es gibt ein Versprechen,
ein Ziel für das es sich lohnt zu leben:
Rache!
Der Tag wird kommen!
Hannes
Mamis erster Orgasmus
Manuel berichtet von der sadistischen sexuellen Gewalt durch seine Mutter.
Mamis erster Orgasmus
Ein neunjähriger Junge kniet auf einem Stuhl im Kinderzimmer. Der Stuhl steht vor dem Tisch und der Eckbank wo er sonst täglich seine Hausaufgaben macht und ist sonst immer der Platz der Mutter die ihn dabei bewacht. Kopf und Arme hat er auf die Lehne gestützt, die Hosen hängen in den Kniekehlen, seinen nackten Hintern muss er dem 50 cm Holzlineal entgegenstrecken mit dem ihn die Mutter verdrischt. Er ist mit ihr allein zu Hause; der kleine Bruder und der Stiefvater sind nicht da.
Wofür ich da geschlagen werde weiß ich nicht; des ist eben so. Seit einigen Monaten gibt es einmal die Woche Schläge nach diesem Muster und ich habe lernen müssen, daß jeder Versuch sich zu wehren es nur schlimmer macht; ich muß mich so lange bestrafen lassen bis ich vor Schmerz und Demütigung weine; wenn ich dann nicht schnell, genug aufhören kann gibt’s noch eine Ohrfeige hinterher und ich werde als Heulsuse verhöhnt.
Diesmal aber hört sie nicht auf. Wieder, immer wieder saust das Lineal auf meinen Hintern egal wie laut ich weine und Mami schon stöhnen muss. Jetzt fängt sie auch noch an zu schluchzen und ich verstehe nicht was sie hat: Sie schlägt doch mich und ich habe Grund zu weinen, sie schlägt und schluchzt weiter; ich drehe mich zu ihr, sehe ihr rotes, schweißglänzendes Gesicht und frage: „Mami, warum weinst du denn?“ Ich habe schon geahnt, dass dieses komische Schluchzen kein Weinen ist, aber es klingt so ähnlich und ich hoffe verzweifelt, dass sie aufhört mich zu schlagen wenn ich mich um sie sorge.
Aber sie herrscht mich an; „Runter! Guck mich nicht an!“ und haut immer fester immer weiter. Jetzt schluchzt sie auch nicht mehr, sie schreit: „Haah, haah, haaah'“ und hört endlich auf zu schlagen.
Als die Schläge vorbei sind drehe ich mich wieder zu ihr und sehe wie sie strahlt vor Glück und Triumph. Da. scheint mir der Augenblick günstig, den Zorn der gefürchteten und geliebten Göttin zu besänftigen. Ich will ihr zeigen dass ich doch nicht der „Egoist“ bin, wie sie mich immer beschimpft wenn ich nicht sofort zu Willen bin; dass ihr Wohl trotz aller Schläge für mich an erster Stelle steht. Also frage ich nochmal: „Mami warum hast du eben geweint?“ und will nicht aufgeben, obwohl sie mich in demselben Ton anfährt: „Das geht dich nichts an!“ Da packt sie mich und treibt mich mit Schlägen und Tritten aus dem Kinderzimmer im 1. Stock in den Keller.
Als ich ihr nicht schnell genug bin stößt sie mich in den Rücken dass ich die halbe Treppe runter falle und von Panik gelähmt nicht mehr aufstehen kann (Den Stoß und die lähmende Panik spüre ich bis heute). Als auch alles befehlen mich nicht wieder auf die Beine bringt reißt sie mich am Handgelenk hoch und schleift mich weiter bis in den Kohlenkeller. Da gab es einen Hackklotz und ein Beil zum Kleinholz machen und im Heizungskessel ein gelb-rot glühendes Kohlefeuer und einen Lichtschalter den ich nicht anrühren durfte wenn Mami das Licht ausgemacht und mich eingeschlossen hatte.
Hier zersplittert meine Erinnerung. Ich kann nur vage fühlen und hören wie sie mich auf den Hackklotz drückt und droht mich totzuschlagen, zum Heizkessel weiter zerrt, vor die offene Feuertür hält und mir sagt dass ich in diesem Feuer spurlos verschwinden kann; dazu Satzfetzen wie.; „Nie wieder ein Wort davon! Zu Keinem!“.
Ich weiß nicht wie lange ich danach im lichtlosen Keller saß bis die Tür wieder aufging. Sie fragte so was wie; Hast du’s jetzt kapiert?“ oder „Bist du jetzt wieder brav?“ und ich konnte nur noch ja sagen.
Ich war gebrochen.
Und damit verschwanden diese Szenen für Jahrzehnte aus meinem Bewusstsein; ebenso wie die wöchentliche Wiederholung des Prügelrituals in den nächsten 2 1/2 Jahren. Aufgehört hat das erst nachdem ich gelernt hatte die Zähne so fest zusammen zu beißen, dass sie mich nicht mehr zum Weinen bringen konnte; aber bevor sie bereit war ihrer höchsten Lust zu entsagen wollte sie’s doch nochmal richtig wissen. Die letzten Monate müssen absolut grauenhaft gewesen sein.
Ich kann heute noch nicht anders als meine Zähne zusammen zubeißen und weinen kann ich auch nicht.
Heute
Diese Szenen erinnern und einordnen konnte ich erst mit 50 und ein Teil von mir ist bis heute im Keller geblieben. Was ich erleben musste seit ich als einer vom „Tätergeschlecht“ mich erdreistete Misshandlung und Missbrauch durch meine Mutter anzusprechen hat mir jedes Vertrauen in den Anstand der Spießertums, aus dem Bildungsbürgertum vom Typ „Wir sind die Guten“ genommen. Da wird besonders von Psycho- und Sozialtanten zuerst nach Ausreden für die Täterin gesucht und einer Mitschuld des gequälten Opfers – so was darf nicht wahr sein, kann nicht wahr sein, ist also nicht wahr; und wenn doch will ich nichts davon hören. Ich kann es denken sehen.
Meine „Mutter“ hat mich zu einem Sexualakt gezwungen – mit Gewalt und der Androhung von noch mehr Gewalt – der für sie höchst lustvoll war und für mich ausschließlich schmerzhaft und erniedrigend. Wenn ein Mann das mit einer Frau macht, werden die meisten das eine Vergewaltigung nennen, auch wenn er ihr nichts reingesteckt hat. Wenn ich das so nenne, sehen Frauen mich an als wäre ich der Vergewaltiger.
Ich leide bis heute unter diesem Sadismus und der gnadenlosen alltäglichen Unterjochung; für diese „Mutter“ war es erst dann ein guter Tag, wenn ihr über alles geliebter Ältester sie angesehen hat, wie ein geprügelter Hund. Ich habe nicht gelebt, ich habe existiert; am Rande dessen was ein Mensch ertragen kann, ohne den Überlebenswillen zu verlieren. Die Perverse, die mir das angetan hat, konnte eine Gutmenschen-Karriere bis in den Vorstand von Terre des Hommes Deutschland machen und jahrzehntelang Adoptionen vermitteln.
In der Öffentlichkeit werden Taten von Frauen (15 – 25 %, eher mehr als weniger) auch von „Kinderschützerinnen“ systematisch totgeschwiegen, erst recht wenn die Opfer männlich sind; es soll uns nicht geben.
An manchen Tagen wünsche ich nichts sehnlicher als einen Atomkrieg der endlich diese sogenannte Menschheit auslöscht; dann könnte auch ich ruhiger sterben.
Manuel
Einsamkeit (2)
Bernd hat dieses Gedicht zu Beginn der Bearbeitung der erlebten sexuellen Gewalt geschrieben
Einsamkeit (2)
Kaum sechs Jahre alt
lernte ich die „Liebe“ eines Mannes kennen.
Er machte mich glücklich,
denn er überschüttete mich mit Geschenken
und nahm sich meinen Körper –
meine Seele floh ins Nirgendwo.
Das ging über Jahre
aber niemand hörte mein Schreien.
Ich beschloss zu vergessen.
Seitdem kenne ich die Einsamkeit.
Ich war fremd
in mir selbst.
Unter Freunden
allein.
Das Wort Liebe
verursacht mir noch heute Übelkeit.
Nach 33 Jahren habe ich beschlossen
das Vergessen zu beenden.
Ich berge verschüttete Erinnerungen.
Bruchstücke meines Lebens
füge ich zu einem Ganzen.
Mühsam noch,
oft am Rande der Verzweiflung,
entkomme ich
dem Ekel,
der Scham,
dem Gefühl, nichts wert zu sein.
Doch
ich schaffe es.
Jetzt weiß ich:
Ich bin Ich.
Vielleicht
entkomme ich auch
der Einsamkeit.
Bernd
Einer meiner angenehmeren Träume
??? schildert einen seiner Träume, den er als einen der angenehmeren empfindet.
Einer meiner angenehmeren Träume
Ich stehe im Haus meiner Eltern, unten im Flur. In meiner rechten Hand halte ich ein Schwert. Ich fühle mich stark, von einer unbesiegbaren Kraft erfüllt. Ich weiß, warum ich hierher gekommen bin.
Entschlossenheit. Kein Zweifel.
Meine Mutter steht in der Tür. Ich sehe die Angst in ihren Augen. Sie will in die Essdiele fliehen, aber ich strecke sie nieder mit einem einzigen Schlag. Ihr Tod ist nebensächlich,
Ich will „Ihn“.
Mein Vater. Panik ergreift ihn, er flieht die Treppe hoch, ruft mir etwas zu, schreit. Ich beeile mich nicht, weiß wo er ist. Er ist ins Schlafzimmer gerannt. Hat sich in die letzte Ecke verkrochen und winselt um Gnade. Eine Welle von Wohlbefinden und Genuss durchflutet mich. Gehe völlig auf in meinem Hass. Genieße noch einen Augenblick meinen Moment der Rache. Dann schlage ich zu, enthaupte ihn.
Aus meinem Therapietagebuch
Hannes berichtet aus seiner Therapie.
Aus meinem Therapietagebuch
Jetzt habe ich soviel Abstand, dass ich zumindest wieder schreiben kann und will mal versuchen, zu notieren, was mir heute passiert ist.
Ich habe oft das Gefühl, ein Loch in mir zu haben. Während mein Wohlfühlpunkt, mein innerer Kern, irgendwo im Bereich des Solar Plexus liegt, liegt darunter ein Loch: Dunkel und schwer, irgendwo im Bereich des Magens. In diesem Loch ist Nichts, es ist nur einfach bodenlose Schwärze und Leere. Zwischen dem Loch und dem Kern tobt ein permanenter Kampf. Je größer und stärker der Kern ist, desto besser kann er das Loch niederhalten.
Ich habe heute eine Übung gemacht, in der es darum ging, zu spüren, was in dem Loch ist. Ich bin erst überhaupt nicht an das Loch ran gekommen. Ich habe vielmehr wahnsinnig gegen das Loch gedrückt und gepresst.
Dann habe ich im Unterleib und Darm krampfartige Schmerzen gespürt. Und dann fehlt mir ein Stück. Ich weiß, dass ich versucht habe, das Drücken und Pressen sein zu unterlassen, und einfach locker zu lassen. Ich weiß auch, dass es schwierig war, da zu bleiben und mich nicht nach irgendwohin zu verdrücken.
Das nächste, was ich gespürt habe, war wie mein Kern sich ganz zusammenzieht und nach hinten, unten am Rücken raus, aus mir verschwindet. Ich war tierisch traurig und verzweifelt, hab geweint und hab ihn angebettelt, er solle mich nicht allein lassen, er solle hier bleiben. Er ist dann auch geblieben, was eine riesige Erleichterung war.
Nach dem Weinen hatte ich den Eindruck, aus einer fernen Geschichte aufzuwachen. Es war, als ob ich die Aufspaltung, in die ich damals während des Missbrauchs zerfallen bin, wieder erlebe. Aber diesmal war es nicht eine Abspaltung meiner Gefühle, die ich bewusst gar nicht mitkriege, sondern ich habe gespürt, was mit mir passiert. Es fühlte sich an, als ob ich mich in drei geteilt habe:
Da ist der Körper, in dem ein kleiner Junge sitzt, und der vom schwarzer Nichts überflutet wird. Wenn der Kern geht, herrscht nur noch Leere, in der es kein Gefühl gibt und alles egal ist. Diese Gleichgültigkeit kenne ich auch aus meinem heutigen Alltag, als einen Zustand, in den ich immer mal wieder falle – inzwischen zum Glück seltener. Nur ganz selten kann ich in diesem Zustand wie einen stillen, hohen Ton, die dünne, leise Traurigkeit des kleinen Jungen hören, der so hoffnungslos alleine allem ausgeliefert war.
Dann gibt es meinen Kern, den Punkt, an dem ich mich spüre. Dort kommt mein Gefühl für mich selbst, dort kommt mein Wohlfühlen her. Dieser Kern hat den Körper, den kleinen Jungen verlassen und ist nach irgendwohin verschwunden.
Anders als früher gab es heute aber einen dritten Teil: Eine erwachsene Person, die die Leere gespürt hat, wie der Kern weg gehen wollte. Diese Person hat den Kern dazu bewegt, anwesend zu bleiben. Sie versucht den Kreislauf zu durchbrechen. Und diesem Erwachsenen fällt die Verantwortung zu, einen Schutz zu organisieren, dass der Kern nicht mehr abhauen muss und der kleine Junge nicht mehr alleine gelassen wird.
Ich habe in der Therapiestunde dann so getan, als wären wir drei Personen: Der Erwachsene hat den anderen versprochen, für den Schutz zu sorgen; der Kern hat versprochen nicht mehr abzuhauen; und alle drei haben wir uns versprochen, zusammen zu bleiben.
Das hat sich total gut angefühlt und hat mir richtig Mut und Kraft gegeben.
Vier Wochen später:
Heute habe ich etwas sehr wichtiges gemacht:
Über die Arbeit an heutigen, nicht zugelassenen, Aggressionen bin ich auf die ohnmächtige Wut in der Missbrauchsituation gekommen. Ich habe versucht, mich in die damalige Situation zu versetzen, und mir vorzustellen, ich hätte mich damals anders verhalten, ich würde IHN weg drücken, IHN aus dem Zimmer raus schieben – es hat nicht funktioniert. Über ein verzweifeltes Versuchen, einem mich erdrückenden Körper standzuhalten, bin ich nicht hinaus gekommen. Ich hatte als kleiner Junge keine Chance, mich erfolgreich zu wehren, erst recht nicht körperlich.
Dann habe ich aber das gemacht, was ich mir vor einiger Zeit versprochen habe, oder besser, was wir uns vor einiger Zeit versprochen haben: Das erwachsene, große Ich ist dem kleinen Jungen zu Hilfe gekommen. Und der Erwachsene hat IHN zur Tür raus gedrängt. Und stand dann breitbeinig, mit verschränkten Armen in der Tür und es war klar: Keinen Schritt setzt DER mehr in dieses Zimmer. Der kleine Junge war endlich in Sicherheit.
Hannes
Tauwetter
Ein Gedicht von Hannes über den Prozess der Befreiung. Aus diesem Gedicht stammt der Name der Anlaufstelle.
Tauwetter
Aus der Erstarrung
im trockenen Eis,
zwischen Gesichtern aus Marmor,
Befestigungen aus weißen Steinquadern,
suchen wir Panzer zu zerstören.
Erst nur Spuren von Feuchtigkeit,
dann Pfützen, Rinnsale,
schließlich Bäche, Flüsse, Ströme,
Bewegung.
Und dann,
unendlich weit und tief,
entspannt die Festung wegspülend,
kommt das Meer.
Leben.
Farben des Lichts
Hannes beschreibt in dem Gedicht, warum er trotz allem Durchgestandenem Lust auf Leben hat.
Farben des Lichts
Es gibt Momente,
da fühle ich mich groß.
In mir ist ein Brausen und Schwellen.
Es tanzt und singt, gluckst und lacht.
Ich könnte vor Freude meinen Brustkorb weit öffnen,
und alle Welt in mich aufnehmen
und mit ihr dieses Glück gemeinsam fühlen.
Es gibt Momente,
die kann ich nicht fassen.
Sie sind unbeschreibar schön.
Ich spüre deine Wärme
und gleichzeitig habe ich eine Gänsehaut.
Das fühlt sich so klein und zart an,
und ist doch so umfassend und riesengroß.
Es gibt Momente,
da sehe ich diese Gesichter.
So voller Zerstörung und Schmerz,
so hoffnungslos und verzweifelt.
Und da weiß ich,
woher ich komme –
und womit ich mich niemals abfinden werde.
Es gibt Momente,
da ist alles still.
So eine tiefe Ruhe, so eine endlose Weite,
Frieden.
Ich treibe durch den Raum,
satt und rund vor stillem Glück.
Und am Horizont steht dunkelgelb und groß der Mond.
Es gibt Momente,
da bin ich eins mit vielen.
Wir sind auf der Straße,
du bist neben mir und du auf der anderen Seite.
Vor uns, hinter uns, die Anderen.
Ich spüre eure Kraft, sie trägt mich.
Wir tragen uns.
Zusammen können wir die Welt aus den Angeln heben.
Es gibt Momente,
da bin ich eine Katze.
Ich spüre mich mit jeder Faser.
Ich springe über die Dächer,
lande auf allen Vieren auf dem Asphalt,
federe leicht ein.
Ich sauge gierig die Nachtluft ein,
sie schmeckt nach Abenteuer.
Es gibt Momente,
da bin ich verzaubert.
Ich höre das Trompeten der Kraniche im Morgennebel über dem Moor.
Ich sehe die feinen Verästelungen der Tropfsteine tief unter der Erde.
Ich schmecke das kalte, klare Wasser aus türkis leuchtenden Gumpen in einer Schlucht im Gebirge.
Ich rieche den Schnee in der frischen Luft an einem klaren Wintermorgen.
Ich spüre das ruhige Auf und Ab der großen Wellen, im kleinen Boot, draußen auf dem Meer.
Ich fühle den Wind auf dem Berg meine Haut streicheln und die Sonne sie wärmen.
Nein, ich habe noch nicht genug.
Ich habe Lust auf Leben.
Hannes