Erste Schritte für dich

Hast du vor Kurzem erkannt, dass du sexualisierter Gewalt ausgesetzt warst – sei es in deiner Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenalter? Dann findest du hier ein paar Tipps für mögliche erste Schritte deiner individuellen Bearbeitung. Die Tipps basieren auf den Erfahrungen, was anderen Betroffenen von sexualisierter Gewalt geholfen hat.

Die eigene Betroffenheit von sexualisierter Gewalt zu erkennen, ist für die meisten ein Schock und begleitet von dem Zweifel, ob das wahr sein kann oder vielleicht doch nur Einbildung ist. Das geht vielen so – und ist auch uns im Tauwetter-Team mal mehr, mal weniger so gegangen, denn auch wir sind alle von sexualisierter Gewalt betroffen.

Sexualisierte Gewalt ist eine Ungerechtigkeit und Gewalttat, die keinem Menschen angetan werden sollte. Sie hat oft massive Folgen und ist nicht einfach zu fassen. Zudem gibt es viele Mythen, die um das Thema sexualisierte Gewalt kreisen und die Auseinandersetzung damit erschweren.

Um einen Umgang damit zu finden und das Erlebte zu bearbeiten, brauchen Betroffene ganz unterschiedliche Dinge. Was auch immer du jetzt brauchst, ist okay! Vielleicht helfen dir die folgenden Hinweise dabei, deinen eigenen Weg zu finden.

Keine Panik! Es gibt einen Ausweg

Du hast es überlebt. Die sexualisierte Gewalt ist vorbei. Selbst wenn es dir jetzt unmöglich erscheint: Du kommst auch durch die aktuelle Situation durch!

Diese Erfahrung haben wir selbst gemacht – und auch viele Männer, trans*, inter* und nicht-binäre Menschen, die zu uns in die Beratung gekommen sind. Dafür braucht es Kraft, Energie, Hilfe und Unterstützung. Wenn du möchtest, sind wir dabei an deiner Seite.

Nimm deine Gefühle und Vermutungen ernst

Vielleicht bist du dir nicht sicher, ob du sexualisierte Gewalt erlebt hast. Vielleicht kannst du dich nicht an Einzelheiten erinnern, sondern hast ‚nur‘ vage Vermutungen oder einen Verdacht. Du kannst deinen Gefühlen trauen! Es kommt zwar vor, dass sich Erinnerungen verändern. Doch unserer Erfahrung nach kommt es nicht vor, dass so etwas wie das Gefühl, irgendwann tief verletzt worden zu sein, völlig grundlos auftaucht.

Dazu, deine Gefühle ernst zu nehmen, gehört auch, genau mit deinen Erinnerungen umzugehen. Erinnerungen und Schlussfolgerungen sind zwei verschiedene Dinge. Lass dir Zeit. Mit der Zeit wirst du klarer sehen. Wenn du zum Beispiel nicht weißt, wer der*die Täter*in war: Ein schlechtes Gefühl zu einer bestimmten Person ist erst einmal Grund genug, auf Abstand zu dieser Person zu gehen und vorsichtig zu sein. So kannst du dir den Raum nehmen, besser zu verstehen, was geschehen ist.

Hab Verständnis für dich selbst – alle Gefühle dürfen da sein

Wie auch immer du dich gerade fühlst: Versuche, es zu akzeptieren, wie es ist. Das heißt nicht, dass du alles gut finden sollst. Aber sich selbst und die eigenen Gefühle zu verdammen, bringt selten etwas.

Mit der Zeit wirst du sicherlich einiges ändern, aber um loszugehen, ist es hilfreich, dir erst mal klarzumachen, wo du dich aktuell (emotional) befindest. Das heißt: möglichst nichts zu leugnen, zu verdrängen oder wegzudrücken. Den eigenen Zustand erst einmal zu akzeptieren, ist ein vielversprechender Ausgangspunkt, um dir im nächsten Schritt zu überlegen, was du ändern kannst und möchtest.

Such dir Hilfe

Durch die sexualisierte Gewalt erleben wir oft Einsamkeit und Isolation. Aktiv da herauszutreten und sich mit anderen (Betroffenen) zusammenzuschließen, erleben die meisten als bestärkend. Deshalb: Hol dir Unterstützung z.B. in Anlauf- und Beratungsstellen. Auch Selbsthilfe- oder Nachbarschaftszentren sind für viele eine gute Adresse. 

Wenn du möchtest, nimm gern zu uns Kontakt auf.

Schütze dich selbst

Fall du Sorge hast, dass der*die Täter*in es wieder versucht oder du dich aktuell noch in Gefahr befindest, bleib auf keinen Fall alleine. Hol dir jede Hilfe, die du kriegen kannst.

Beratungsstellen können dich dabei unterstützen, aus der Gefahrensituation herauszukommen. Wenn du Unterstützung brauchst, melde dich gern bei uns.

Sprich mit Menschen, denen du vertraust – und gestalte die Gespräche aktiv

Überlege dir, mit wem du reden willst – und warum. Du musst niemandem etwas erzählen, wenn es sich für dich nicht stimmig anfühlt. Wenn du mit einer Vertrauensperson sprechen willst: Gestalte das Gespräch aktiv.

Dafür empfehlen wir dir, dich vorher zu sortieren: Was willst du in dem Gespräch? Erhoffst du dir konkrete Hilfe oder Handlungen? Welche sind das? Möchtest du, dass dein Gegenüber auf irgendetwas Bestimmtes achtet? Was ist das konkret? Es kann sehr hilfreich sein, konkret um bestimmte Dinge zu bitten und dabei explizit nachzufragen, ob dein Gegenüber damit einverstanden ist, das umzusetzen, was du dir wünschst.

Leider machen viele Betroffene die Erfahrung, dass Menschen in ihrem Umfeld nicht auf die Art reagieren, die sie sich wünschen. Wichtig ist deshalb: Du kannst und darfst deine zwischenmenschlichen Beziehungen aktiv gestalten. Überlege, was dir guttut, und höre auf dein eigenes Gefühl.

Such dir einen sicheren Rückzugsraum

Wenn es dir schlecht geht, brauchst du wahrscheinlich einen Raum, in den du dich zurückziehen kannst. Finde einen Ort, an dem du ungestört bist, dich wohl fühlst und den du für dich gestalten kannst. Ein sicherer „Raum“ kann auch eine regelmäßige, feste Zeit sein, die du dir freihältst, um dich nur um dich zu kümmern.

Ein paar Beispiele: Für einige von uns war der beste Rückzugsraum das eigene Zimmer oder eine Kuschelecke, für andere ein Platz irgendwo draußen im Grünen. Einige haben sich auch an einem öffentlichen Ort unter Menschen am sichersten gefühlt, zum Beispiel mitten in einem Café, wo ihnen niemand besondere Beachtung schenkte.

Gib dir Zeit – du brauchst nichts zu überstürzen

„Jetzt muss sofort etwas passieren!“ – Wenn du diesen Druck verspürst, ist das verständlich. Dennoch haben Veränderungen ihren eigenen Rhythmus und brauchen ihre Zeit. Es läuft dir nichts davon. Es gibt keinen Zwang, jetzt sofort Anzeige zu erstatten, den*die Täter*in zu konfrontieren oder bestimmte andere Dinge zu unternehmen. Viele Betroffene von sexualisierter Gewalt erstatten nie Anzeige, auch das ist völlig okay.

Das Wichtigste ist erst mal, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Vorschnelle Schritte können leicht nach hinten losgehen. Deshalb legen wir dir ans Herz, ruhig vorzugehen, ohne Druck und Hektik, nicht überstürzt, sondern überlegt.

Tu Dinge, die dir guttun und Kraft geben

Wenn du gerade erst realisiert hast, dass du sexualisierter Gewalt ausgesetzt warst, kann es schnell passieren, dass deine Gedanken 24 Stunden am Tag nur noch um dieses eine Thema kreisen. Das ist am Anfang auch okay, denn nach einer solchen Erinnerung geht wohl niemand einfach so zur Tagesordnung über. Auf Dauer ist die permanente Beschäftigung mit der widerfahrenen sexualisierten Gewalt aber nicht produktiv: Sie frisst Energie und kann dir auf Dauer zu viel Kraft rauben. Deshalb ist es wichtig, dass du darauf achtest, Dinge zu tun, die Dir guttun.

In der Situation, in der du gerade steckst, kann es schwer sein, sich auf angenehme Dinge einzulassen – aber es ist notwendig. Überleg dir bewusst schöne Aktivitäten. Vielleicht kann dir ein*e Freund*in dabei helfen, auf Ideen zu kommen, was das sein könnte. Es muss nichts Großes und Besonderes sein. Vielleicht ist es nur ein Spaziergang, ein Treffen mit Freund*innen, Sport oder dass du dir dein Lieblingsessen kochst. Die wichtigste Frage hinter allem ist: Tut es dir gut?

Dazu kann auch gehören: Wenn du merkst, dass es dir guttut, dich gesellschaftlich oder politisch zu engagieren, dann tu das für dich.

Denk dran: Du bist nicht allein

Es gibt andere Menschen, die ebenfalls sexualisierte Gewalt erfahren haben. Jedes Jahr melden sich allein bei Tauwetter mehrere Hundert Betroffene. Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland insgesamt zwischen 2 und 4 Millionen Männer* leben, gegen die sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde. Viele von ihnen haben es schon geschafft, ihre Gewalterfahrung so zu bearbeiten, dass es ihnen inzwischen besser geht. Die Wege dorthin sind so individuell, wie Menschen eben sind.

Für viele ist der Austausch mit anderen Betroffenen ein positiver Wendepunkt in ihrem Leben. Wenn du willst, kannst du versuchen, mit anderen Betroffenen Kontakt aufzunehmen – über Anlauf – und Beratungsstellen oder über das Internet.

Auch bei Tauwetter kannst du in Kontakt mit anderen Betroffenen kommen. Denn hier arbeiten ausschließlich Menschen, die selbst sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Außerdem bieten wir bei Tauwetter Selbsthilfegruppen an, die wir in der Startphase begleiten.

Viel Kraft und alles Gute für deinen Weg.