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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Der betroffenenkontrollierte Ansatz

Die Diskussion

Tauwetter arbeitet nach dem betroffenenkontrollierten Ansatz – doch was ist das?

In den Jahren 2001 bis 2004 haben Mitarbeiter_innen der Frauenselbsthilfe und Beratung von Wildwasser Berlin, der antipsychiatrischen Kriseneinrichtung Weglaufhaus „Villa Stöckle" und von Tauwetter zusammen gesessen und über die Situation der Projekte diskutiert. Ausgangspunkt war gewesen, dass es zwar viel Gerede über „Nutzerbeteiligung" in der sozialen Arbeit gab und alle das sinnvoll und notwendig fanden, gleichzeitig aber von vielen Sozialarbeiter_innen das Lamento zu hören war, die eigenen Nutzer_innen wäre zu so etwas leider nicht in der Lage oder würden Angebote nicht nutzen. Deshalb sei Nutzerbeteiligung doch nicht so umsetzbar. So wurde ein alter aus dem Wohlfahrtsgedanken kommender sozialarbeiterischer Ansatz mit seiner Entmündigung der Nutzer_innen aufrecht erhalten. Uns ärgerte damals, dass anscheinend niemand auf die Idee kam, mit denjenigen zu sprechen, die in Projekten arbeiteten, die von Nutzer_innen gegründet worden waren und bis heute betrieben werden.

In den Diskussionen stellten sich schnell heraus, dass es zwischen den Projekten sehr viele Gemeinsamkeiten gab. An anderen Punkten waren wir unterschiedlicher Meinung und an wieder anderen begann ein gegenseitiger Lernprozess.

Eins der ersten Dinge, die wir feststellten war, dass wir unabhängig voneinander eine ähnliche Haltung entwickelt hatten, mit der wir den Nutzer_innen gegenüber traten: Wir versuchten ihnen möglichste auf Augenhöhe und ohne Anweisungen zu begegnen. Dahinter steckte die Vorstellung, dass sie ohne in Schubladen oder Abrechnungskategorien (Diagnosen) gequetscht zu werden, selber über ihren Weg bestimmen sollen und dazu im Prinzip auch in der Lage sind.

In den weitergehenden Gesprächen fanden wir heraus, dass wir von einem ganz ähnlichen Gewaltbegriff ausgingen: Gewalt verstanden wir als etwas, was den Menschen zum Objekt machte und ihn seiner Selbstbestimmung beraubte. So etwas sollte sich im Bearbeitungsprozess nicht wiederholen.

Hatte diese Haltung etwas mit unserer eigenen Gewalterfahrung zu tun? Auch wenn sich einige von uns anfangs dagegen sträubten, weil sie befürchteten, damit würde die Haltung ihren allgemeinen Anspruch verlieren und als persönliche Position von Betroffenen abgestempelt werden, denen es an Objektivität fehlte – wir kamen nicht umhin fest zu stellen, dass diesem Position sehr wohl etwas mit unserer Geschichte zu tun hatte. Allerdings nur zum Teil mit den Gewaltwiderfahrnissen selber, sondern sehr viel auch mit unseren Erfahrungen im Hilfesystem. In diesem hatten wir nämlich allesamt schlechte Erfahrungen gemacht und keinen angemessenen Platz gefunden.

Die Broschüre

Am Ende des Diskussionsprozesses stand dann eine Broschüre und eine Veranstaltung mit der wir an die Öffentlichkeit gingen. Unterstützt wurden wir dabei vom Berliner Landesverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Schwerpunktnummer der „Prävention"

Ein Jahr später begannen im „Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen" die Diskussionen um den Ansatz. Eine Bundestreffen von Fachberatungsstellen zum Thema fand statt und im Herbst 2006 erschien eine Schwerpunktnummer der Zeitschrift des Bundesvereins „Prävention" zum betroffenenkontrollierten Ansatz.

Gegenwind und Verleumdung

Offensichtlich wurde der Ansatz wie wir es uns gewünscht hatten auch breiter zur Kenntnis genommen. Einige fanden ihn gut, andere eher nicht. Offensichtlich fühlten einige sich in ihrem Verständnis von Professionalität angegriffen. 2009 veröffentlichte der Berliner Mediziner Christian Pross eine Buch über Traumazentren, in dem er den betroffenenkontrollierten Ansatz massiv angriff. Wir bekamen davon zuerst gar nichts mit. Erst als er begann, auch auf Veranstaltungen dagegen zu polemisieren, wurden wir darauf aufmerksam gemacht. Wir lasen den Artikel und waren erschrocken, wie jemand unsere Ziele so missverstehen konnte. Auch wenn es für Herrn Pross als Berliner ein leichtes gewesen wäre, vor Veröffentlichung mit uns zu sprechen, suchten wir jetzt das Gespräch mit ihm. Hinterher hatten wir den Eindruck, er bedaure seine Falschdarstellungen.

Wir ließen die Sache auf sich beruhen. Bald darauf erfuhren wir aber, dass er nach wie vor auf Veranstaltungen die gleichen falschen Behauptungen über uns verbreitete. Wir veröffentlichten deshalb eine Stellungnahme zu seinen Vorwürfen. Seitdem haben wir von ihm nichts mehr gehört.

Und über 10 Jahre nach dem Entstehen des Ansatzes?

Der bkA ist nach wie vor unsere Arbeitsgrundlage. Alle Mitarbeiter von Tauwetter haben selber sexualisierte Gewalt erlebt, sie haben diese bearbeitet und diese Bearbeitung reflektiert. Wir besprechen immer wieder die Erfahrungen aus diesem Bearbeitungsprozess. Aktuell stehen wir mal wieder vor der Frage, wie solche Prozesse sich strukturell verankern lassen. Wir sind nach außen als Betroffene erkennbar und ansprechbar.

Gleichzeitig erleben wir immer noch und immer wieder, dass oftmals Betroffenheit mit mangelnder Professionalität gleichgesetzt wird. Wenn einer von uns auf einem wissenschaftlichen Kongress einen Vortrag hält gehen viele davon aus, dass er kein Betroffener ist. Wenn ein anderer auf einer Tagung sich als Betroffener zu erkennen gibt, gehen viele davon aus, dass er nicht beruflich zu dem Thema arbeitet und über keine Ausbildung verfügt. Stigmatisierung ist vielleicht nicht mehr so offen wie vor 20 Jahren, aber es gibt sie nach wie vor.

Solange solche Vorurteile bestehen, sehen wir es als notwendig an, offen als Betroffene aufzutreten.