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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Wie alles anfing

Eigentlich hatte ich mir dieses Buch nur ausgeliehen, weil ich bei meiner Ma und einer guten Freundin einen sexuellen Missbrauch vermutete. Keine Ahnung wie ich drauf kam, war so ein Gefühl. Ich hab' also brav meinem Helfersyndrom folgend als erstes in das Kapitel geschaut: " Wenn du einer Überlebenden helfen willst. " In diesem Kapitel wurde halt auch beschrieben, was häufig auftauchende Verhaltensmuster sind, ... na halt womit man so konfrontiert ist, wenn man einer oder einem Betroffenen zur Seite stehen möchte. Ich las was da stand und wurde innerlich immer stiller. Die Aufmerksamkeit und der Tatendrang des Helfers wich immer mehr der Betroffenheit. Ich dachte nur: "Das bin ja ich!!! Das bin ich der da beschrieben wird!!!"

Mir war immer klar, was passiert war, aber das war doch nicht schlimm, hatte ich gedacht. So hatten auch meine Eltern reagiert und andere, als ich ihnen erzählt habe, dass mir auf meiner Inter-Rail-Tour was mit Päderasten passiert war. Und als ich dieses Buch las, sagte das erste Mal jemand zu mir, dass das was mir da passiert war vielleicht doch nicht so harmlos war. Da wurden Menschen beschrieben, deren Verhalten meinem so was von ähnlich war, aber die sind vergewaltigt worden. Was war ich dann?

Aber intellektuell konnte ich das sowieso nicht lösen und brauchte es auch nicht. Die Emotionen kamen zurück. Die Scham und die Unsicherheit und vor allem die Angst und dieser unsagbare Schmerz. Die meiste Zeit lief das Leben recht normal, bis die nächste Flutwelle kam und mich mit sich riss mich, meine eigenen Emotionen an einen Ort spülten ... ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.

Ziemlich bald wurde mir klar, dass ich damit alleine nicht fertig werde. Und nachdem mein Versuch bei meinen Eltern Hilfe zu finden auf grausame und katastrophale Weise schiefgegangen war, hab' ich es nicht gewagt mich an Freunde zu wenden. Diese Kiste mit meinen Eltern war ... so schmerzhaft, ... dass ich Angst hatte, das noch einmal zu erleben. Und wenn da jemand war, wo ich dachte : " Scheiße man, ... probier's doch! "... Ich konnte es nicht, ich hab es einfach nicht über die Lippen gebracht. Mein Mund öffnete sich, aber es kam nichts raus. Oder wie es so treffend bei Tori Amos heißt: "I've got a desert in my mouth."

So saß ich dann irgendwann zu Hause mit dem Telefonbuch auf dem Schoß und landete in der Rubrik : Psychosoziale Kontakt - und Beratungsstellen.

Das war so ein eigenartiges Gefühl. Ich suchte da nicht etwas raus für jemand anderen ... sondern für mich. Für einen Moment konnte oder wollte ich das nicht wahrhaben, wollte das Buch wieder zuschlagen und eine Stimme in mir sagte: " Nee, also, so was brauchst du nicht. Nee! " Aber ich wusste, dass ich nur feige war. So hab' ich das zumindest empfunden, feige. Und das wollte ich auch nicht sein.
Mein Ehrgeiz und mein Wunsch mutig zu sein haben dann gesiegt. Ich hab' mir die Nummer einer Beratungsstelle für Männer raus geschrieben. Puhh.... aber dann diese Nummer wählen.... Was soll ich denn sagen ? Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein kann 7 Nummern auf einem Telefon zu drücken.

Da war dann nur ein Anrufbeantworter angeschlossen. Komischerweise konnte ich meine Angst völlig überspielen und ganz sachlich mein Anliegen auf Band sprechen. Ich hab' sogar um Rückruf gebeten.

Bei meinem 1. Termin dort, habe ich von mir erzählt und bin ernst genommen worden. Ich hab dort auch erst mal erfahren, was es so für Therapieformen und Institutionen gibt, an die ich mich wenden kann. So habe ich auch von Tauwetter erfahren, aber es hat einige Zeit gebraucht, bis ich überhaupt einen Schritt in Richtung Therapie oder Selbsthilfe gemacht habe.
Als ich mich dazu entschloss, war bei Tauwetter gerade keine neue Gruppe im Aufbau und die alten wollten niemand neues dazu nehmen. So musste ich ein halbes Jahr warten, bis es soweit war, dass es losging für mich. Ein halbes Jahr, in dem ich dann doch versucht habe mit Freunden darüber zu reden. Aber das war ziemlich schwierig. Zum Einen fiel es mir schwer darüber zu reden und wenn dann meistens ... eigentlich immer völlig distanziert, so als würde ich übers Einkaufen reden. Die Gefühle, die ich hatte, wenn ich allein war, konnte ich einfach nicht zeigen und ich hatte Angst die anderen zu überfordern ... und ich wollte nicht wieder verletzt werden. Und zum Anderen waren die Reaktionen meiner Freunde auch eher nüchtern.
Ich konnte mein Lebensgefühl einfach nicht begreiflich machen. Weil es schwer ist Worte dafür zu finden und meine Freunde das, wofür ich Worte fand, einfach nicht nachvollziehen konnten.

Und das war das Schöne an der Selbsthilfegruppe. Vor allem in der ersten Zeit. Das war da völlig anders. Da waren Menschen, die mich verstanden. Oft ohne, dass ich groß was erklären musste. Sie kannten viele meiner Situationen, oder mein Lebensgefühl einfach von sich selbst. Das war wunderbar. Ich fühlte mich das erste Mal angenommen. Und um so wunderbarer, weil ich selbst solche Schwierigkeiten hatte und habe mich selbst anzunehmen. Es war erlösend endlich reden zu können. Und gut war auch einen neutralen Ort zu haben, an dem man sich regelmäßig trifft, um sich diesem gemeinsamen Teil von uns zu widmen. Aber am stärksten war das Gefühl mit diesem "Problem" nicht mehr allein zu sein und verstanden zu werden.

Später habe ich unterschiedliche Phasen durchlebt. Solche, wo mir das zuviel war, worüber gesprochen wurde, oder ich einfach keine Lust hatte mich schon wieder mit dieser Scheiße zu beschäftigen. Und solche, wo die Gruppe sozusagen fast mein letzter Halt war, der Strohalm, die Rettungsweste.

Ich bin dankbar, dass ich diesen Raum für mich entdeckt habe und bin jetzt seit 2 Jahren dabei. Nicht immer brauche ich ihn, weil ich mir jetzt selbst neue Räume schaffe, oder suche, aber ich möchte ihn nicht missen.