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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Aus meinem Therapietagebuch

Jetzt habe ich soviel Abstand, dass ich zumindest wieder schreiben kann und will mal versuchen, zu notieren, was mir heute passiert ist.

Ich habe oft das Gefühl, ein Loch in mir zu haben. Während mein Wohlfühlpunkt, mein innerer Kern, irgendwo im Bereich des Solar Plexus liegt, liegt darunter ein Loch: Dunkel und schwer, irgendwo im Bereich des Magens. In diesem Loch ist Nichts, es ist nur einfach bodenlose Schwärze und Leere. Zwischen dem Loch und dem Kern tobt ein permanenter Kampf. Je größer und stärker der Kern ist, desto besser kann er das Loch niederhalten.

Ich habe heute eine Übung gemacht, in der es darum ging, zu spüren, was in dem Loch ist. Ich bin erst überhaupt nicht an das Loch ran gekommen. Ich habe vielmehr wahnsinnig gegen das Loch gedrückt und gepresst.

Dann habe ich im Unterleib und Darm krampfartige Schmerzen gespürt. Und dann fehlt mir ein Stück. Ich weiß, dass ich versucht habe, das Drücken und Pressen sein zu unterlassen, und einfach locker zu lassen. Ich weiß auch, dass es schwierig war, da zu bleiben und mich nicht nach irgendwohin zu verdrücken.

Das nächste, was ich gespürt habe, war wie mein Kern sich ganz zusammenzieht und nach hinten, unten am Rücken raus, aus mir verschwindet. Ich war tierisch traurig und verzweifelt, hab geweint und hab ihn angebettelt, er solle mich nicht allein lassen, er solle hier bleiben. Er ist dann auch geblieben, was eine riesige Erleichterung war.

Nach dem Weinen hatte ich den Eindruck, aus einer fernen Geschichte aufzuwachen. Es war, als ob ich die Aufspaltung, in die ich damals während des Missbrauchs zerfallen bin, wieder erlebe. Aber diesmal war es nicht eine Abspaltung meiner Gefühle, die ich bewusst gar nicht mitkriege, sondern ich habe gespürt, was mit mir passiert. Es fühlte sich an, als ob ich mich in drei geteilt habe:

Da ist der Körper, in dem ein kleiner Junge sitzt, und der vom schwarzer Nichts überflutet wird. Wenn der Kern geht, herrscht nur noch Leere, in der es kein Gefühl gibt und alles egal ist. Diese Gleichgültigkeit kenne ich auch aus meinem heutigen Alltag, als einen Zustand, in den ich immer mal wieder falle - inzwischen zum Glück seltener. Nur ganz selten kann ich in diesem Zustand wie einen stillen, hohen Ton, die dünne, leise Traurigkeit des kleinen Jungen hören, der so hoffnungslos alleine allem ausgeliefert war.

Dann gibt es meinen Kern, den Punkt, an dem ich mich spüre. Dort kommt mein Gefühl für mich selbst, dort kommt mein Wohlfühlen her. Dieser Kern hat den Körper, den kleinen Jungen verlassen und ist nach irgendwohin verschwunden.

Anders als früher gab es heute aber einen dritten Teil: Eine erwachsene Person, die die Leere gespürt hat, wie der Kern weg gehen wollte. Diese Person hat den Kern dazu bewegt, anwesend zu bleiben. Sie versucht den Kreislauf zu durchbrechen. Und diesem Erwachsenen fällt die Verantwortung zu, einen Schutz zu organisieren, dass der Kern nicht mehr abhauen muss und der kleine Junge nicht mehr alleine gelassen wird.

Ich habe in der Therapiestunde dann so getan, als wären wir drei Personen: Der Erwachsene hat den anderen versprochen, für den Schutz zu sorgen; der Kern hat versprochen nicht mehr abzuhauen; und alle drei haben wir uns versprochen, zusammen zu bleiben.

Das hat sich total gut angefühlt und hat mir richtig Mut und Kraft gegeben.

Vier Wochen später:

Heute habe ich etwas sehr wichtiges gemacht:
Über die Arbeit an heutigen, nicht zugelassenen, Aggressionen bin ich auf die ohnmächtige Wut in der Missbrauchsituation gekommen. Ich habe versucht, mich in die damalige Situation zu versetzen, und mir vorzustellen, ich hätte mich damals anders verhalten, ich würde IHN weg drücken, IHN aus dem Zimmer raus schieben - es hat nicht funktioniert. Über ein verzweifeltes Versuchen, einem mich erdrückenden Körper standzuhalten, bin ich nicht hinaus gekommen. Ich hatte als kleiner Junge keine Chance, mich erfolgreich zu wehren, erst recht nicht körperlich.

Dann habe ich aber das gemacht, was ich mir vor einiger Zeit versprochen habe, oder besser, was wir uns vor einiger Zeit versprochen haben: Das erwachsene, große Ich ist dem kleinen Jungen zu Hilfe gekommen. Und der Erwachsene hat IHN zur Tür raus gedrängt. Und stand dann breitbeinig, mit verschränkten Armen in der Tür und es war klar: Keinen Schritt setzt DER mehr in dieses Zimmer. Der kleine Junge war endlich in Sicherheit.

Hannes