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Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Selbsthilfegruppen

Erwartungen, Träume, Wünsche, Hoffnungen, Ziele, Möglichkeiten:

Andere Betroffene treffen.
Von Anderen hören, wie es ihnen damit geht.
Eine Möglichkeit zum Erzählen haben und nicht immer auf Unverständnis stoßen.
Nicht mehr so alleine damit sein.
Einen geschützten Raum haben.
Mit Menschen reden können, ohne immer Angst haben zu müssen.
Vertrauen fassen, auf Andere zugehen.
Diese Gespaltenheit überwinden.
Lernen, meine Gefühle zu spüren.
Traurigkeit und Schmerz zulassen, Weinen und Schwäche,
überhaupt Gefühle zeigen.
Beziehungsfähig werden.
Konfliktfähig werden.
Verantwortung für mich selbst übernehmen.
Lernen, ich zu sein.

Selbsthilfegruppen können eine Möglichkeit sein, erlebte sexualisierte Gewalt zu bearbeiten. Sie sind kein Ersatz für eine Therapie, auch nicht besser oder schlechter: Sie sind eine andere Möglichkeit mit eigenen Vorteilen und Problemen. Es gibt Männer, die machen nur eins von beiden, andere machen beides parallel, dritte beides hintereinander.

Zwei Konzepte von Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen gibt es nach verschiedenen Konzepten. Grob lassen sich zwei Richtungen unterschieden: Frei organisierte Selbsthilfegruppen und 12-Schritte-Gruppen.

  • Frei organisierte Selbsthilfegruppen sind meist an Beratungsstellen oder Selbsthilfezentren angesiedelt. In ihnen gibt sich die Gruppe selber Regeln, dabei können Erfahrungen aus bisherigen Gruppen genutzt werden. Diese Art von Gruppen verlangen eine große Verbindlichkeit. Die Kontinuität ermöglicht es, Vertrauen zu fassen, auch offen miteinander über die schwierigen Themen zu sprechen. Dabei wird offen zu dem, was einer gesagt hat Stellung bezogen, aber in einer Art, mit der versucht wird, abwertende oder verletzende Äußerungen zu vermeiden. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber legt sich schnell.

Viele freie Selbsthilfegruppen sind gemischte Gruppen, d.h. es sitzen Männer und Frauen zusammen. Das kann vollkommen okay sein, ist aber oft schwierig, wenn von einem der beiden Geschlechter nur eine Person vertreten ist.

Teilweise werden diese Gruppen in der Startphase durch Mitarbeiter_innen aus den Beratungsstellen oder Nachbarschaftszentren begleitet, teilweise werden neue Gruppen durch Menschen organisiert, die vorher in einer Gruppe waren, teilweise arbeiten die Gruppen von Anfang an selbständig. Dauerhaft begleitete Gruppe sind eigentlich keine Selbsthilfegruppen, sondern werden schnell semitherapeutische Gruppen.

Die Selbsthilfegruppen bei Tauwetter sind freie Selbsthilfegruppen. Sie werden in der Startphase durch Männer unterstützt, die selber in Gruppen waren oder sind und im Selbsthilfebereich mitarbeiten. Diese stehen auch später für Nachfragen oder eine Supervision zur Verfügung.

  • 12-Schritte-Gruppe folgen einem Schema, das in den 30er Jahren in den USA im Umfeld fundamentalistischer Christen für den Drogenbereich entwickelt wurde. Bekannt wurde das über Gruppen wie „Anonyme Alkoholiker". Die Gruppen sind grundsätzlich offen, jede_r kann zu jeder Sitzung kommen oder gehen, wie es gerade passt. Es gibt feste Ablauf- und Umgangsregeln: Am Anfang werden die 12 Schritte vorgelesen, dann hat jede_r Gelegenheit zu einem Statement ohne dass von den anderen dazu etwas gesagt wird. Als schwierig wird oftmals die Fluktuation erlebt, in einigen Gruppen gibt es auch starke Hierarchien und Insiderkreise. Positiv beschreiben gerade Menschen, die Ängste in Gruppen haben, den stark formalisierten Ablauf und die Tatsache, dass niemand etwas zu ihrem Statement sagt. Einige Gruppen sind sehr religiös orientiert, andere handhaben das mittlerweile eher locker, manche beziehen sich sehr eng auf die 12-Schritte (wonach ich krank und auf die Hilfe einer höheren Macht angewiesen bin), für andere haben diese Punkte nicht solch eine Relevanz. 12-Schritte-Gruppen zum Thema sexualisierte Gewalt (Survivors of Incest Anonymous) sind über die Website www.sia-dr.org erreichbar.

Selbsthilfegruppen erfordern grundsätzlich, dass ich soweit mit Menschen klar komme, dass ich mit den anderen Teilnehmenden und umgekehrt in einer Gruppe arbeiten kann. Ich muss in einer Gruppe auf mich selber aufpassen und bin für das, was ich tue, verantwortlich. Ich muss selbst feststellen, was mir gut tut und was nicht, ich muss meine Grenzen halten und die anderer respektieren. Und, last but not least, ich brauche Beharrlichkeit, damit ich nicht beim ersten Konflikt weglaufe. Das Alles ist für manche ein Hindernis, die sich das nicht zutrauen. Wenn es aber geschafft wird, kann gerade die Tatsache, sich aus eigener Kraft befreit zu haben, enorme Energie freisetzen.

Was kann in einer Selbsthilfegruppe bearbeitet werden?

Oftmals entwickelt es sich so, dass der Schwerpunkt der Selbsthilfegruppen mehr auf der Bewältigung der Folgen der sexualisierten Gewalt liegt. Es geht dann um das Ablegen von Verhaltensweisen, die notwendig waren für ein Überleben, die heute aber eher hinderlich oder schädlich sind. Im Fokus steht hier weniger, sich die Gewalt noch einmal zu vergegenwärtigen und nachzufühlen, wie sie erlebt wurde. Das hängt damit zusammen, dass eine solche Konfrontation mit der Gewalt sehr gut vorbereitet sein muss.

Dennoch gibt es Selbsthilfegruppen in denen genau dies erfolgreich geschieht. Das erfordert eine stabile, verlässliche Gruppe, genügend Ressourcen mit Krisen umzugehen und eine Basis, um sich die Gewalt anzugucken ohne sich von ihr emotional überwältigt zu fühlen. Prinzipiell ist so etwas eben auch in einer Selbsthilfegruppe möglich. Welche Gewichtung die verschiedenen Teile haben, ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich.

Für wen sind die Selbsthilfegruppen bei Tauwetter?

Die Selbsthilfegruppen bei Tauwetter stehen grundsätzlich allen Männern* offen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren oder andere Formen von Gewalt erlebt haben. Dabei spielt es keine Rolle,

  • ob ich klare Erinnerungen habe oder einen begründeten Verdacht
  • ob ich von einem Mann missbraucht wurde oder von einer Frau
  • ob das einmalig war oder sich über Jahre hingezogen hat
  • ob der/die TäterIn aus der Familie kam oder vollkommen fremd war
  • wie alt ich damals war und wie alt ich heute bin
  • welche sexuelle Präferenz ich habe oder wie ich mich definiere
  • ob ich mich als Transgender oder -sexuell, als Cis-Mann oder als Queer begreife oder lebe.(Trans: lateinisch jenseits. Gender: englisch soziales Geschlecht. Cis: lateinisch diesseits. Trans*-Männer sind also Menschen, die jenseits des Geschlechts leben wollen, das ihnen von Geburt oder der Gesellschaft zugeordnet wurde. Cis-Männer sind Männer, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen von Geburt oder der Gesellschaft zugeordnet wurde, wohl fühlen. Queer = englisch komisch, ursprünglich ein Ausdruck für "Falschgeld", später ein Schimpfwort, heute wird das Wort positiv als Selbstbezeichnung von Menschen genutzt wird, die aus der gesellschaftlichen zweigeschlechtlichen Normalität herrausfallen.)

Die Männer in einer Selbsthilfegruppe sind also alle unterschiedlich, aber haben eines gemeinsam: Sie waren in der Kindheit oder Jugend Opfer sexualisierter Gewalt und / oder haben andere Formen von Gewalt erlitten.

Wer passt nicht in eine Selbsthilfegruppe bei Tauwetter?

Es gibt aber eine Reihe von Kriterien, die eine Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ausschließen:

  • aktuelle Abhängigkeit von Drogen (die Arbeit in der Gruppe fordert im allgemeinen zu viel Kraft, als dass es noch möglich wäre, parallel dazu zu versuchen, clean zu werden.)
  • die Unfähigkeit aufgrund psychischer „Krankheiten" oder Problemen mit anderen in Kontakt zu gehen und auf der Basis von Gleich zu Gleich zu kommunizieren. Manche Menschen nehmen die Realität so anders wahr, dass eine gemeinsame Gruppe nicht möglich ist. Auch die Abhängigkeit von Psychopharmaka ist ein Hinderungsgrund (s.o.)
  • Täter haben, auch wenn sie früher selber Opfer gewesen sind, keinen Zutritt zu den Gruppen.

Wie läuft eine Selbsthilfegruppe bei Tauwetter ab?

Die Selbsthilfegruppen werden in der Anfangsphase begleitet. Es gibt keinen Anleiter, der sagt, was zu tun ist, d.h. jeder muss für sich selbst sorgen und die Verantwortung für sich übernehmen. Um darüber genauer zu reden, findet vor dem Eintritt in eine Gruppe ein Vorgespräch statt.

In der Startphase der Gruppen diskutieren wir Vereinbarungen, die den Umgang der Gruppenteilnehmer miteinander regeln. Diese können später von den Gruppenteilnehmern geändert werden, genauso wie der von uns vorgeschlagene Ablauf eines Gruppenabends. Bewährt haben sich auch die Hilfen für die Selbsthilfearbeit und die Übungen, die wir in der Startphase der Gruppen vermitteln.

Weitere Infos zu Selbsthilfegruppen:

Mehr Infos zu Selbsthilfegruppen sind u.a. im Tauwetter-Selbsthilfehandbuch zu finden.

Ziemlich am Anfang von Tauwetter haben einige Männer in einem Erfahrungsbericht für ein Buch mögliche Abläufe einer Gruppe beschrieben.

Später ist für einen weiteren Buchbeitrag ein Artikel über die Tauglichkeit von Selbsthilfegruppen für die Verarbeitung sexualisierter Gewalt entstanden.

Mehrere Männer aus Selbsthilfegruppen haben zu verschiedenen Zeiten aus unterschiedlichen Anlässen Texte über ihren Bearbeitungsprozess und die ihnen angetane Gewalt geschrieben. Einige haben solche Texte auf unsere Bitte hin für die Veröffentlichung auf unserer Website frei gegeben. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass alle Rechte für diese Texte nach wie vor bei den Autoren liegen, die über Tauwetter erreichbar sind. D.h. eine Weiterverbreitung, egal in welcher Form und egal in welchem Medium, ist ohne schriftliche Zustimmung der Autoren nicht zulässig.