tauwetter print logo

Anlaufstelle, für Männer*, die in Kindheit oder Jugend sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren

© 2015 Tauwetter e.V.

Bearbeitungsmöglichkeiten für Betroffene

Nicht jeder Mensch, der sexualisierte Gewalt erlebt, ist zwangsläufig für das restliche Leben geschädigt. Einige haben ein Umfeld, das sie so stützt und trägt, dass sie die Gewalt weitgehend verarbeiten können. Andere finden später Dinge, die die Verletzungen ausgleichen: z.B. erleben sie das Gefühl geliebt und respektiert zu werden in Beziehungen mit anderen Menschen.

Für viele ist es aber Realität, dass sie sich, um zufriedenstellend leben zu können, irgendwann aktiv mit dem beschäftigen müssen, was ihnen angetan wurde. Um diesen bewussten Bearbeitungsprozess geht es hier.

Vorweg wollen wir aber deutlich sagen: Es geht! Es ist auch nach erlittener sexualisierter Gewalt möglich, ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Das erfordert unter Umständen einige Anstrengung, aber das bedeutet nicht, dass es unmöglich ist.

Eine Bearbeitung sexualisierter Gewalt, die mir früher angetan worden ist, macht dann einen Sinn, wenn ich mir davon eine Verbesserung meiner heutigen Lebensqualität versprechen kann. Dann ist es hilfreich, mich zu erinnern, was mir früher geschehen ist und zu überlegen, wo ich aus diesen Erfahrungen eventuell – bewusst oder unbewusst - Schlussfolgerungen gezogen habe, die heute nicht mehr stimmen. Das klingt jetzt ziemlich einfach, ist aber oftmals ein längerer Prozess.

Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten:

Oftmals entscheiden leider schon die ganz konkreten Gegebenheiten vor Ort, welche Möglichkeiten ich habe.

Wenn ich im ländlichen Raum wohne, sind die Angebote wesentlich reduzierter als in Großstädten: Oftmals gibt es weder eine Selbsthilfegruppe noch eine Beratungsstelle, die beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe unterstützen könnte. Wenn ich dann kein Auto habe, um wöchentlich 100 Kilometer zu fahren, bleibt manchmal gar nichts anderes übrig, als sich selbst zu organisieren.
Wenn ich Angst vor oder in Gruppen habe, habe ich Schwierigkeiten in eine Selbsthilfegruppe zu gehen und ich habe fast nur noch die Möglichkeit, mir einen Therapieplatz zu suchen oder mir selbst was zu organisieren.

Andererseits gehen viele Männer zu verschiedenen Zeiten verschiedene Wege und das ist auch gut so. Entscheidend ist, die eigene Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sexualisierte Gewalt ist die Erfahrung, zum Objekt gemacht zu werden. Diese Erfahrung sitzt unterschiedlich tief: Für manche ist sie existentiell und allumfassend, sie haben insgesamt das Gefühl nur ein Gegenstand ohne eigenen Willen und Bedürfnisse zu sein, andere fühlen sich „nur" in bestimmten Bereichen wie Partnerschaft oder Umgang mit Autoritäten so. Grundsätzlich gilt aber, dass Selbstbestimmung in der Bearbeitung sexualisierter Gewalt einen zentralen Stellenwert hat. Es ist wichtig, dass gerade in diesem Prozess nicht erneut Erfahrungen von Entmündigung und Ohnmacht gemacht werden. Dies gilt für alle Formen der Bearbeitung.

Es gibt verschiedene Konzepte, wie eine Bearbeitung sexualisierter Gewalt aussehen kann. Das hat einerseits mit den Möglichkeiten zu tun, die mir zur Verfügung stehen, aber auch mit meiner grundlegenden Sicht, wie es zu sexualisierter Gewalt kommt und wie Menschen damit umgehen. Im Grunde berührt das das gesamte Menschenbild. Halte ich sexualisierte Gewalt für eine Form von Gewalt, die ich selbst überwinden will oder suche ich nach einer Therapie, die mir ein Diagnostiker verschrieben hat?

Wir haben versucht grundlegende Gedanken zur Bearbeitung wie sie in den letzten Jahren bei uns entstanden sind, aufzuschreiben. Vielleicht könnt ihr mit den Gedanken ja etwas anfangen.